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PETRA ELENA KÖHLE / NICOLAS VERMOT PETIT-OUTHENIN
ALBERTS GUESTHOUSE
Ausstellung: 7.9.2007–13.10.2007

ALBERTS GUESTHOUSE, Elena und Nicolas, 269-27, 2004
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ALBERTS GUESTHOUSE, HUND, K6 1/2-12, 2004
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ALBERTS GUESTHOUSE, STRAND, K4-04, 2004
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PETRA ELENA KÖHLE / NICOLAS VERMOT PETIT-OUTHENIN
ALBERTS GUESTHOUSE
In den Zwischenräume des Protokolls
Mein Abfall heute: leere Filmdosen und Filmverpackungen. Für Photographen gehört die Reflexion über die Authentizität des geschossenen, reproduzierten Bildes, über Flüchtigkeit und Dauer, Ausschnitthaftigkeit und Imaginationskraft zum Beruf. Die beiden jungen Künstler Petra Elena Köhle und Nicolas Vermont Petit-Outhenin, (beide studierten Fotografie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich), fotografieren jedoch nicht nur mit einer Kamera, sondern auch mit Sprache und Dingen: Protokolle, Notizen, Zitate, Dokumente jeglicher Art – sprachliche Momentaufnahmen und Beweisstücke aus dem Alltag, die später «entwickelt», nachträglich «belichtet», «koloriert», «abgezogen», mitunter verdoppelt werden. Im Zentrum steht dabei nicht das äußere, sondern das innere Bild. Was bedeuten all diese Ablichtungen der Realität für uns, wie lassen sich emotionale Farben festhalten, wie funktioniert die Nomenklatur der Erinnerung und wie wird dieses innere Archiv aktiviert, sodass Geschichten entstehen? Die Dokumentarfotographie, die den privaten und öffentlichen Alltag auf so merkwürdig selektive Art fixiert, wird zur künstlerischen Strategie erhoben, die auch auf andere Medien übergreift und in inszenierten Protokollen mündet.
Als Mädchen mochte ich Bikinioberteile überhaupt nicht. Für die 2004–2006 entstandene und mehrfach gezeigte Arbeit «Pour les Oiseaux» (edition fink, Zürich 2005) beispielsweise wurden über 50 Menschen nach einem Wendepunkt in ihrem Leben befragt. Die Antworten, die einen Menschen tatsächlich auf einen «Punkt» reduzieren, in ihrer Kürze ebenso komisch wie ergreifend, hängen mit anderen «Dokumenten» in einer Wandinstallation als wäre ein Familienalbum geöffnet worden. Eher an eine wissenschaftliche Untersuchung erinnert die Präsentation des Palermoexperimentes «Anche se non posso focalizzarti — sei nel mio sguardo — auch wenn ich dich nicht sehen kann, du bist in meinem Blickfeld», das für die beiden Künstler zu einer Einladung an das Istituto Svizzero di Roma führte. Es untersucht die Möglichkeit einer zufälligen Begegnung zweier Menschen, die, strengen Spielregeln verpflichtet, sich nicht systematisch suchen dürfen. Ausgestattet mit Fotoapparat und GPS-Gerät wird die von ihnen zurückgelegte Wegstrecke innerhalb der auf dem Stadtplan festgelegten Stadtgrenzen Palermos genau dokumentiert und mit Tagesnotizen begleitet. Es entsteht ein Netz aus Spuren, das, obgleich alles penibel dokumentiert zu sein scheint, eine Ahnung davon hinterlässt, wie viel durch die Maschen gegangen ist.
Albert sagt: Srey Touch sei verwirrt. Srey Touch sagt, sie habe mit Albert eine lange Beziehung geführt und er habe sich gestern trennen wollen. «Was würde dein Kollege an der anderen Tür über die Tür, die du bewachst, sagen?» Das ist die Lösung im bekannten logischen Spiel, das jeder mindestens zweimal durchgerechnet hat, weil er die Antwort vergessen hatte: Ein Gefängnis, zwei bewachte Türen, von denen eine in die Freiheit führt, ein lügender, ein wahr sagender Türwächter und man darf nur eine Frage stellen. Allerdings gibt es in der Realität meistens mehr als zwei Türen und niemand weiß, ob jemand lügt oder vielleicht auch nur ein wenig und nicht ganz, wer Wächter und wer Gefangener ist, wer der Spielleiter und was man unter Freiheit verstehen soll. Ein Guesthouse, zwei Angestellte, 6 Zimmer, ein abwesender Chef, wechselnde Gäste. Das sind die Rahmenbedingungen einer Versuchsanordnung im Mikrokosmos der kambodschanischen Stadt «Sihanoukville», in der die beiden Künstler im November 2004 für elf Tage das Management des kleinen Hotels «Alberts Guesthouse» übernehmen. Der Besitzer des Hotels, den sie einige Tage zuvor in der «Fullmoon Bar» kennen gelernt hatten, muss zur Beerdigung seines Vaters und bittet die beiden Schweizer in seiner Abwesenheit die Führung des Gästehauses zu übernehmen.
So what are you writing about me in your project? Neben der Arbeit entsteht ein Protokoll, in dem die Ein- und Ausgänge des Hotels verzeichnet werden, Karteikarten für die Gäste aufgenommen werden, die neben Zimmernummer, Preis, Name und Nationalität auch ein kurzes Personenportrait enthalten. Tagesnotizen, Fotos, Dokumente, alles, was wichtig scheint, auch das, was die Gäste selbst antragen, wird ins Protokoll aufgenommen.
It could have been more beautiful. Was zunächst fein durchnummeriert (was zum Kuckuck ist das für eine seltsame Nummerierung?) und scheinbar objektiv daherkommt, entfaltet eine merkwürdige Eigendynamik. Die Sprache ist einfach und unprätentiös, manchmal bruchstückhaft, wie im Telegramm, meist jedoch in Hauptsätzen gehalten. Es gibt wenig Konjunktionen, die logischen Brücken sind von einem zum anderen Satz auf ein Minimum reduziert. Eine Notiz folgt der anderen so wie ein Foto neben dem anderen hängt, aber wie bringt man sie zusammen? Ein großer Teil des Protokolls ist in Englisch geschrieben, jenem Ferienenglisch, in dem Gäste wie Bedienstete gleichermaßen radebrechen und jeden Augenblick Missverständnisse provozieren. Wie war das gemeint?
Beide hatten schon einmal einen englischen Liebhaber. Hinter der Personenbeschreibung verbirgt sich meistens nur ein Satz, der ähnlich wie der Wendepunkt im Leben eines Menschen im Projekt Pour les Oiseaux, die Menschen auf den Punkt bringt. Ein isolierter Satz entfaltet, derart freigesetzt, eine große Wirkung und sagt mitunter mehr über die Sollbruchstellen im Leben, über Kolonialismus, über das Verhältnis von Männern und Frauen, über Wünsche und Hoffnungen aus, als eine vollständige Erzählung.
Look at this place. It’s all artifical. In der präzisen Arbeit an der Sprache kommt in der künstlerischen Arbeit von Petra Elena Köhle und Nicolas Vermont Petit-Outhenin den Zwischenräumen eine besondere Aufmerksamkeit zu. Erst durch die Zwischenräume entsteht jener Raum, der einzelnen Sätzen und Informationen überhaupt einen Nachklang verschafft und das Banale wie das Ungeheuerliche, was vom Fluss der Worte verdeckt wird, wieder durchschimmern lässt. Erst durch die Inszenierung der Zwischenräume verweisen Spuren auf Spuren und erzählen viel, ohne je zu einer Geschichte zu werden.Vielmehr ist es eine Anleitung, sich selbst ein Wort zu machen.
Für die Ausstellung in der Galerie MADONNA#FUST ist eine Installation entstanden, die auf den unterschiedlichen Etagen Teile des Laboratorium entwirft, in dem elf Tage lang ein Spiel ohne Spielregeln gespielt wurde. Teil der Installation ist die Publikation «Alberts Guesthouse» (Edition Fink, Zürich 2007), in der das Protokoll vollständig abgedruckt ist. Die Vernissage am 7.9.2007 in der Galerie Galerie MADONNA#FUST ist zugleich auch die Buchvernissage.
Wir sind am Ende ganz misstrauisch geworden, weil sich einfach keine sinnvolle Geschichte ergeben wollte: Was erzählen die uns hier eigentlich? Ist das die Wahrheit? Wir treffen einen Typen in der Bar und ein paar Tage später leiten wir sein Guesthouse. Dann stellt sich irgendwann heraus, dass eine seiner Angestellten seine Frau ist oder so ähnlich und schon ganz lange dort arbeitet. Wir haben die Finanzen in der Hand gehabt, wir haben den Leuten
Geld gegeben. Sie sind mit Anliegen oder Rechnungen zu uns gekommen. Auch die Frau. Aber vielleicht haben wir das Guesthouse auch gar nicht geleitet. Vielleicht hat diese Frau das Guesthouse indirekt geleitet. Ja, genau, vielleicht haben wir das Guesthouse gar nicht geleitet.
Zu den Künstler
Petra Elena Köhle und Nicolas Vermot Petit-Outhenin haben ein erstes Mal bei den Swiss Awards 2004 auf sich aufmerksam gemacht . Sie haben wichtige Weltereignisse in Papier nachgebildet - Titel des Werkes: Ereignisse 2003*. Es folgten weitere Einzel- und Gruppenausstellungen z.B. im Museum Liner, Appenzell (Gruppen), Les Complices, Zürich (Einzel), Fotomuseum, München (Gruppen), Kritiku, Prag (Gruppen), Kunstraum exex, St. Gallen (Gruppen) und Kunsthaus Glarus (Einzel). Nach der Ausstellung in der Galerie Madonna#Fust gehen die beiden Künstler 10 Monate lang ins Instituto Svizzero nach Rom. Was auch als Auszeichnung für ihre bisherige Arbeit zu sehen ist.
* Wurde durch die Stadt Zürich angekauft
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