Sommerferien: vom 28.06 bis 04.08 ist die Galerie geschlossen.


 

ELVIRA HUFSCHMID, DIRECTIONS

AUSSTELLUNG: 9.5. - 28.6.08

 

Rede_ans_Volk.jpg
 

Elvira Hufschmid, Monika Lilleike: «Rede ans Volk», 2007, DV Video
 

«TV-Schaukel» 2004, Video Skulptur

02_TV-Schaukel2.jpg
 

Videostill aus «Highway Poem» 2004, Video Installation

02_HIGHWAY1.jpg

 

ELVIRA HUFSCHMID, DIRECTIONS
 

Wer kommt schon auf die Idee, sich an einer Autobahn zu positionieren und die Autos an sich vorbeirauschen zu lassen? Oder vielmehr, eine Rede an sie zu halten? Oder sich sogar auf die Fahrbahn zu begeben und einmal mit den Autos, einmal gegen sie anzurennen? Rhetorische Fragen im Fall von Elvira Hufschmid, denn genau das sind Dinge, die sie in ihrer Kunst inszeniert. Auftritte, die zwar nur zum Teil gefährlich – wenigsten die Rednerin steht auf einer Tribüne – aber mit Sicherheit sehr physisch sind: Besagte Rednerin schreit und gestikuliert und kämpft und scheint doch nicht anzukommen gegen den Lärm und den Sog der Autos. Die andere Frau rennt; scheint zu flüchten, um dann immer wieder zurückzukehren.

„Directions“ – Richtungen – nennt Elvira Hufschmid ihre Ausstellung mit Videoarbeiten aus den Jahren 2002 bis 2007. Die anfangs beschriebenen Werke zeigen, worum es geht, denn in beiden setzten sich die Frauen einem System aus, in das die Richtung eingeschrieben ist: der Autobahn. Sie ist Symbol eines temporären Durchgang und einer Gerichtetheit, der man sich unterordnen muss. Ohne Unterlass brausen die Fahrzeuge vorbei, die Insassen verlieren ihre Identität und nehmen die Dinge um sich herum nicht mehr wahr. Die Künstlerin ist fasziniert von solchen Bewegungen, sei es, dass sie von links nach rechts verlaufen, oder von unten nach oben. Häufig hat dieses richtungsweisende Element in ihren Arbeiten mit dem Gefühl der Vereinnahmung einerseits und der Anstrengung, der Verausgabung und der Überwindung andererseits zu tun, und immer ist auch der Betrachter ein Teil davon, soll sie physisch erleben, diese elementare Kraft, die unser Leben bestimmt.

Als Reise ist sie denn auch zu verstehen, diese Ausstellung, die uns Richtungen weist, aber auch zeigt, dass Kunst vieles möglich machen kann, was dem normalen Lauf der Welt zu widersprechen scheint. Steter Tropfen höhlt normalerweise den Stein, aber nicht, wenn er gen oben fliesst, und eine nach unten fallende Frucht, aufgefangen von weiblichen Händen, kann Symbol sein für die Sicherheit, die ein Kind im Schoss der Mutter verspürt, ausser man hört auf den Knall im Hintergrund, und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass die Rednerin mit dem Finger genau in dem Moment auf den Mund deutet, wenn ein Lieferwagen mit Lebensmitteln vorbeifährt. Kunst arbeitet mit Bewegungen, gibt Richtungen vor, durchbricht sie aber auch gleich wieder und überlässt es schliesslich dem Besucher, die gewünschte Bahn zu gehen oder sie auch wieder zu verlassen. In der Tat: Kunst kann richtungsweisend sein – und für Elvira Hufschmids gilt dies im wahrsten Sinne des Wortes.

Text: Sylvia Rüttimann
 
Kurzbiografie
Elvira Hufschmid, 1962 im Südschwarzwald/D geboren, ist Diplombildhauerin und Videokünstlerin. Sie studierte an der Hochschule der Bildenden Künste Saar und am San Francisco Art Institute, wo sie 2002 mit dem Master of Fine Arts New Genres abschloss. Danach freischaffend und in der Lehre tätig, u.a. an der Hochschule der Bildenden Künste Saar und an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Derzeit ist sie Gastprofessorin für „Künstlerische Transformationsprozesse“ im Team mit der Gruppe >>Stille Post!<< an der Universität der Künste Berlin. Ausstellungen u.a.: 2003 San Francisco Arts Commission Galllery/USA, 2004 Stadtgalerie Saarbrücken/D, 2007 Galerie Faux Movement Metz/F, Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus/D und Teilnahme an Projekten für Kunst im öffentlichen Raum Berlin. Sie erhielt 1998 eine Studienförderung und 2003 ein Forschungsstipendiumder Hans-Böckler Stiftung Düsseldorf/D für ihr Videokunstprojekt “Orte der Passage“. 2001 wurde ihr das Jack and Gertrude Murphy Fellowship der San Francisco Foundation und 2004 der Kunstförderpreis der Landeshauptstadt Saarbrücken verliehen. 2006 war sie mit dem Kunstprojekt >>Stille Post!<< Preisträgerin des Karl-Hofer-Preises der Universität der Künste Berlin. Elvira Hufschmid lebt und arbeitet in Berlin.
 
 



 

JEAN-MICHEL BACONNIER,
LABYRINTISCHE GITTER
AUSSTELLUNG: 9.5. - 28.6.08

 

02_Douche.jpg
 

Douche I, Installation, Mischtechnik, 2003
 

Repas I, Installation, Farbe auf Holz, 2002

02_Tisch.jpg
 

Labyrinthe II, Piktogram Nr. 3, Dispersion auf Wand, 2002

02_Wandmalerie.jpg
 

JEAN-MICHEL BACONNIER, LABYRINTISCHE GITTER
 

„Diese Dinge zu erkennen, bedeutete das System der Ähnlichkeiten zu enthüllen, die sie einander nahe und verbindlich werden ließen. Man konnte aber die Ähnlichkeiten nur insoweit entdecken, als eine Gesamtheit von Zeichen an ihrer Oberfläche den Text einer unumstößlichen Indikation bildete.“1

Die Geschichte der Raumdarstellung kennt verschiedene Kodifizierungssysteme, an deren geometrischen Schnittstellen ein jeweils unterschiedlicher Zusammenhang zwischen der Realität und ihrem Zeichen begründet wird. Wie Rosalind Krauss bemerkt, „schreibt der perspektivische Raster sich der dargestellten Welt ein, als wäre er ihr Organisationsrahmen.“2 Doch während die Künstler der Renaissance die Perspektive, in der sich Realität und Abbildung überlagern, als eine Wissenschaft von der Wirklichkeit betrachteten, verbindet die Moderne das Konzept des Gitters mit der Forderung nach der Autonomie der Kunst. So macht die geometrische Abstraktion die Flächenhaftigkeit der Gemäldeoberfläche als solche anschaulich und löst sich hierdurch bewusst von der Sichtbarkeit der realen Welt. Die Konzeptkunst wiederum befragt diese Muster, indem sie die Erzählung von der Trennung der künstlerischen Darstellung und der realen Welt dekonstruiert.

Das post-konzeptuelle künstlerische Verfahren Jean-Michel Baconniers bedient sich einer zeitgenössischen Form des Rasters, nämlich eines Skripts, dessen im Voraus definierte Regeln es erlauben, der Wirklichkeit virtuelle Formen und Figuren einzuschreiben. Die mit dem Titel Labyrinthe versehenen Reihen von Rechenmethoden, mit deren Hilfe Wandmalereien geschaffen werden, entstehen auf der Grundlage eines komplexen Systems; die Windungen dieses Systems spiegeln eine Architektur wider, in der man sich verirren müsste, würde man sich in sie hineinwagen. Parameter wie Datum, Zeitpunkt, Stockwerk und die Anordnung eines Raumes in einem Gebäude bestimmen im Voraus Piktogramm und Farbe einer sich in einen gegebenen Situationsrahmen einschreibenden Malerei. Der Künstler verhandelt dabei stets neu zwischen den selbst auferlegten Zwängen und verschiedenen Möglichkeiten, ebendieser Disziplin zu entkommen. Ausgehend von einem architektonischen Element der Stadt Bern wird das Piktogramm von Labyrinth V zum Symbol der Spannung zwischen Offenheit und Ausweglosigkeit eines Systems, in dem das Subjekt sich gezwungen sieht, mögliche Umleitungsstrategien zu imaginieren, um einen Raum der Freiheit zu bewahren.

Text: Geneviève Loup

Jean-Michel Baconnier
ist 1975 in Lausanne geboren, wo er gegenwärtig lebt und arbeitet. 2003 erhält er den Bachelor Visuelle Kunst der Schule für Gestaltung Wallis (ECAV), 2005 das Diplom der Pädagogischen Hochschule Lausanne. Im Oktober 2007 schließt er ein Postgraduiertenstudium mit dem Master of Art in public sphere ab (MAPS/ECAV).
Seit 2001 stellt er regelmäßig seine Arbeiten aus und gehört unter anderem im Jahre 2006 zu den Preisträgern des Eidgenössischen Wettbewerbs für Kunst. 2007 gründet Jean-Michel Baconnier gemeinsam mit Laurent Emmenegger, Christophe Métroz und Steve Paterson in Lausanne die Künstlervereinigung Trafic, deren Ziel es ist, Projekte in verschiedenen künstlerischen Bereichen zu fördern und zu unterstützen. Eines der Projekte der Vereinigung besteht in der Einrichtung eines „Home Cinema“ im Dachstuhl eines Gebäudes der Rue de Bourg in Lausanne, wo zeitgenössische Videokunst gezeigt wird.

1 Michel Foucault: „Die prosaische Welt“, in: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Aus dem Franz. von Ulrich Köppen. 10. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991, S. 74.
2 Rosalind Krauss: „Grilles“, in: L’originalité de l’avant-garde et autres mythes modernistes, Paris: Macula, 1993, S. 94.

BIOGRAFIE JEAN-MICHEL BACONNIER (PDF)

 

HOME
NEWSLETTER
deutsch / english